Schlaganfall: Delir-Rate am Uniklinikum Graz halbiert

Pressemitteilung
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Zwei Jahre nach der Erweiterung der Stroke Unit am Uniklinikum Graz zeigt ein speziell entwickeltes Präventionskonzept in einer Zwischenauswertung vielversprechende Ergebnisse: Die Häufigkeit gefährlicher Verwirrtheitszustände nach einem Schlaganfall ist von 10,7 auf 5 Prozent gesunken. Moderne, KI-gestützte Bildgebung hilft zudem, jene Patient*innen zu erkennen, die selbst bis zu 24 Stunden nach einem Schlaganfall noch von einer Thrombektomie profitieren können.

Auch nach der Akutbehandlung eines Schlaganfalls können Komplikationen auftreten, die die Genesung erheblich erschweren. Eine davon ist das sogenannte Delir – ein plötzlich auftretender Verwirrtheitszustand, bei dem Betroffene desorientiert, unruhig oder auffallend teilnahmslos sein können. Am Uniklinikum Graz ist die Häufigkeit dieser Komplikation nach Einführung eines speziellen Präventionskonzepts deutlich zurückgegangen. Die Erweiterung der Stroke Unit vor zwei Jahren schuf wichtige räumliche Voraussetzungen für dessen Umsetzung.

Delir: Präventionskonzept zeigt deutlichen Erfolg

Ein Delir tritt bei etwa zehn bis 30 Prozent der Schlaganfallpatient*innen in der Akutphase auf. Besonders die stille, sogenannte hypoaktive Form wird leicht übersehen. Dabei ist ein Delir mit einem erhöhten Sterberisiko, längeren Krankenhausaufenthalten und einem größeren Pflegebedarf verbunden.

Um dieser Komplikation vorzubeugen, setzt das Uniklinikum Graz auf ein speziell entwickeltes Präventionskonzept, bei dem Ärzt*innen und Pflegepersonen eng zusammenarbeiten. Geschulte Pflegepersonen achten regelmäßig auf erste Anzeichen eines Delirs. Dabei werden individuelle Risikofaktoren berücksichtigt und vor allem nicht-medikamentöse Maßnahmen eingesetzt, die beispielsweise die Orientierung und einen geregelten Schlaf-Wach-Rhythmus unterstützen.

Porträt von Univ.-Prof. Dr. Christian Enzinger, einem Arzt mit kurzen weißen Haaren, weißem Bart und schwarzer Brille. Er trägt einen weißen Arztkittel über einem hellblauen Hemd mit dunkel gestreifter Krawatte und blickt direkt in die Kamera.
Univ.-Prof. Dr. Christian Enzinger, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie am LKH-Univ. Klinikum Graz | ©Uniklinikum Graz / Kanizaj

Erste Ergebnisse der PADASU-Studie zeigen einen deutlichen Rückgang: Die bisherige Auswertung umfasst 1.473 Patient*innen am Uniklinikum Graz. Vor Einführung des Konzepts lag die Delir-Rate bei 10,7 Prozent, danach bei 5 Prozent. Das entspricht einem relativen Rückgang um rund 53 Prozent. Weitere österreichische Krankenhäuser beteiligen sich an der Studie.

„Ein Delir kann die Genesung nach einem Schlaganfall erheblich erschweren. Umso wichtiger ist es, diese Komplikation möglichst zu verhindern. Unsere ersten Ergebnisse zeigen, dass wir mit gezielter Prävention viel erreichen können“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christian Enzinger, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie am Uniklinikum Graz.

Zwei Pflegefachkräfte in weißer Dienstkleidung betreuen eine ältere Patientin im Krankenhausbett. Eine Mitarbeiterin mit Brille hält eine Dokumentationsmappe und wendet sich der Patientin zu, während ihre Kollegin im Hintergrund medizinische Geräte bedient.
Die Patient*innen werden von einem interdisziplinären Team versorgt. | ©Uniklinikum Graz / Kanizaj

Die Therapie kommt direkt zu den Patient*innen

Die Stroke Unit am Uniklinikum Graz zählt heute zu den größten Österreichs. Bei ihrer Erweiterung wurden nicht nur zusätzliche Überwachungsplätze geschaffen, sondern auch die Behandlungsabläufe weiter optimiert. Eine wichtige Neuerung ist die sogenannte Flow-Station, eine mobile Behandlungseinheit, mit der zahlreiche Untersuchungen und Therapien direkt am Krankenbett möglich sind Dazu zählen Ultraschalluntersuchungen, die Behandlung von Schluckstörungen sowie Physio-, Ergo- und Logopädie. Für die Patient*innen bedeutet das weniger belastende Transporte.

Ein spezielles Lichtkonzept bildet den natürlichen Tagesverlauf nach und erleichtert damit die zeitliche Orientierung. Räumlich abgetrennte Behandlungsbereiche bieten zudem mehr Privatsphäre und unterstützen die Infektionsprävention.

Thrombektomie: Neue Chancen bis zu 24 Stunden nach dem Schlaganfall

Neben der Vorbeugung von Komplikationen haben sich auch die Möglichkeiten der Akutbehandlung weiterentwickelt. Wird ein Hirngefäß durch ein Blutgerinnsel verschlossen, kann dieses bei geeigneten Patient*innen mittels Thrombektomie über einen Katheter entfernt werden. Während eine Thrombektomie früher vor allem innerhalb der ersten sechs Stunden durchgeführt wurde, können heute unter bestimmten Voraussetzungen auch Patient*innen bis zu 24 Stunden nach Symptombeginn davon profitieren.

Entscheidend ist, ob im betroffenen Gehirn noch Gewebe vorhanden ist, das zwar nicht ausreichend durchblutet, aber noch nicht dauerhaft geschädigt ist. Bei dieser Beurteilung unterstützt die KI-gestützte Software RapidAI. Sie analysiert CT- und MRT-Aufnahmen und unterstützt das Behandlungsteam bei der Entscheidung, ob eine Wiedereröffnung des verschlossenen Gefäßes noch sinnvoll ist.

Die KI-gestützte Software RapidAI kommt an allen steirischen Stroke Units zum Einsatz und unterstützt die enge Zusammenarbeit der regionalen Schlaganfalleinheiten mit dem Uniklinikum Graz. Über ein rund um die Uhr verfügbares Schlaganfalltelefon können Untersuchungsergebnisse gemeinsam beurteilt und notwendige Verlegungen zur Thrombektomie ans Uniklinikum Graz abgestimmt werden. Die präzisere Auswahl geeigneter Patient*innen hilft zugleich, unnötige Transporte zu vermeiden.

Erste Ergebnisse einer laufenden Fünfjahresauswertung deuten darauf hin, dass inzwischen mehr Patient*innen auch nach Ablauf der ersten sechs Stunden eine Thrombektomie erhalten. Zudem können mehr Betroffene mit einer sogenannten Thrombolyse behandelt werden, bei der ein Medikament eingesetzt wird, um das Blutgerinnsel aufzulösen. „Beim Schlaganfall zählt weiterhin jede Minute. Wir wissen heute aber, dass die Schädigung des Gehirns nicht bei allen Menschen gleich schnell voranschreitet. Mithilfe moderner Bildgebung können wir erkennen, ob auch nach mehreren Stunden noch Hirngewebe gerettet werden kann“, betont Enzinger.

Blick durch eine große Glasfront in einen modern ausgestatteten Behandlungsraum der Stroke Unit am Uniklinikum Graz. Mehrere Patientenmonitore, medizinische Geräte und Deckenversorgungssysteme sind zu sehen. Die Glasfront ist mit stilisierten Landschaftsmotiven in Brauntönen gestaltet.
Ein geregelter Tag-Nacht-Rhythmus spielt bei der Erholung nach einem Schlaganfall eine wichtige Rolle. Auf der Stroke Unit am Uniklinikum Graz wird deshalb besonders auf die natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmen der Patient*innen geachtet | ©Uniklinikum Graz / Pachernegg

753 Patient*innen im Jahr 2025 auf der Stroke Unit betreut

Mit der Erweiterung von sechs auf zehn Betten wurden die Kapazitäten der spezialisierten Schlaganfalleinheit ausgebaut. Allein 2025 wurden auf der Stroke Unit 753 Patient*innen betreut. 

Die engmaschige Überwachung ermöglicht es, Komplikationen wie Infektionen, Herzrhythmusstörungen, erneute Verschlechterung der Hirndurchblutung oder Einblutungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Auch Hochrisikopatient*innen mit kritischen Verengungen hirnversorgender Gefäße können hier überwacht und bei Bedarf rasch einer weiterführenden Behandlung zugeführt werden.

Bereits während der Akutversorgung beginnen erste rehabilitative Maßnahmen. Bei entsprechendem Bedarf können Patient*innen anschließend auf die neurologische Frührehabilitationsstation wechseln, wo die begonnenen Therapien intensiv fortgesetzt werden. So greifen Akutbehandlung und Rehabilitation möglichst nahtlos ineinander.

Die Stroke Unit am Uniklinikum Graz – Zahlen & Fakten

10 statt 6 Betten seit der Erweiterung im Herbst 2024

753 Patient*innen im Jahr 2025 betreut

2,89 Tage durchschnittliche Verweildauer im Jahr 2025

53 Prozent relativer Rückgang der Delir-Rate nach Einführung eines Präventionskonzepts (vorläufige Grazer Studienergebnisse)

Bis zu 24 Stunden mögliches Zeitfenster für eine Thrombektomie, wenn noch rettbares Hirngewebe vorhanden ist.

Presseanfragen

Pressestelle des LKH-Univ. Klinikum Graz
Mag. Simone Pfandl-Pichler
Auenbruggerplatz 1, 8036 Graz

Telefon: +43 316 385-87791
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