Schlaf statt „Immunbooster“: Was Kinder fĂŒr eine gute Abwehr brauchen

Pressemitteilung

Mit dem Schulstart beginnt fĂŒr viele Familien auch wieder die Zeit von Schnupfen, Husten und fieberhaften Infektionen. Wo viele Kinder zusammenkommen, haben auch Viren leichtes Spiel. Doch hĂ€ufige Infektionen sind gerade bei jĂŒngeren Kindern nicht automatisch ein Zeichen fĂŒr eine schwache Abwehr. Assoz.-Prof. Dr. Volker Strenger, Kinderarzt und Infektiologe am Uniklinikum Graz, erklĂ€rt, was das kindliche Immunsystem wirklich stĂ€rkt – und warum sogenannte „Immunbooster“ meist nicht dazugehören.

PortrĂ€t von Volker Strenger im weißen Arztkittel. Er steht lĂ€chelnd an einer Glasfront des Uniklinikum Graz, in der sich sein Spiegelbild zeigt.
Assoz.-Prof. Dr. Volker Strenger, Kinderarzt und Infektiologe am Uniklinikum Graz | ©Univ. Klinikum Graz / Kanizaj

ZurĂŒck aus den Ferien, hinein ins Klassenzimmer: Mit Beginn des neuen Schuljahres verbringen Kinder wieder viele Stunden gemeinsam. Krankheitserreger können sich dadurch leichter verbreiten. In den kommenden Wochen kommt ein weiterer Faktor hinzu: Sinkende Temperaturen und trockenere Luft reizen die SchleimhĂ€ute, Viren ĂŒberleben lĂ€nger und wir halten uns wieder hĂ€ufiger in geschlossenen RĂ€umen auf.

Dass Kinder in dieser Zeit vermehrt Infektionen nach Hause bringen, ist zunĂ€chst kein Grund zur Sorge. Gerade das Immunsystem kleiner Kinder kennt viele Erreger noch nicht und muss erst lernen, auf sie zu reagieren. „Zehn bis zwölf fieberhafte Erkrankungen pro Jahr können bei einem Kleinkind durchaus normal sein, solange es sich um banale Infekte handelt“, sagt Assoz.-Prof. Dr. Volker Strenger. Wichtiger als die reine Zahl sei, wie schwer die Erkrankungen verlaufen. Mehrere schwere LungenentzĂŒndungen innerhalb eines Jahres oder etwa eine HirnhautentzĂŒndung wĂ€ren hingegen Warnsignale fĂŒr eine ImmunschwĂ€che, die Ă€rztlich abgeklĂ€rt werden sollten.

Schlaf statt „Immunbooster“

Gerade zu Beginn der ErkĂ€ltungssaison werden zahlreiche Produkte angeboten, die versprechen, die AbwehrkrĂ€fte zu unterstĂŒtzen. Vitamine, Spurenelemente oder PrĂ€parate fĂŒr die Darmflora sollen das Immunsystem „stĂ€rken“. FĂŒr gesunde Kinder ist ein zusĂ€tzlicher Nutzen solcher PrĂ€parate fĂŒr die Immunabwehr wissenschaftlich jedoch kaum belegt. „Ein gesundes kindliches Immunsystem muss nicht geboostert werden. Es braucht gute Bedingungen, damit es seine Arbeit machen kann“, so der Infektiologe. Dazu zĂ€hlen vor allem ausreichend Schlaf, eine ausgewogene ErnĂ€hrung, regelmĂ€ĂŸige Bewegung vor allem im Freien, möglichst wenig Stress und das Vermeiden von Passivrauch.

Gerade Schlaf ist zum Schulbeginn ein wichtiges Thema. Nach langen Sommerabenden muss sich der Tagesrhythmus oft erst wieder einpendeln. FĂŒr Schulkinder gelten etwa neun bis zwölf Stunden Schlaf als Richtwert, Jugendliche benötigen rund acht bis zehn Stunden. Ausreichender Schlaf ist nicht nur fĂŒr Konzentration und Wohlbefinden wichtig, sondern spielt auch fĂŒr ein gut funktionierendes Immunsystem eine wichtige Rolle.

Raus ins Freie – und öfter weg vom Bildschirm

Auch regelmĂ€ĂŸige Bewegung trĂ€gt zur Gesundheit bei. Mindestens eine Stunde pro Tag wird fĂŒr Kinder und Jugendliche empfohlen, bei kleinen Kindern darf es deutlich mehr sein. DafĂŒr braucht es kein spezielles Sportprogramm: Der Schulweg zu Fuß, Radfahren oder Spielen im Freien zĂ€hlen ebenso.

Damit rĂŒckt zum Schulstart auch die Bildschirmzeit in den Fokus. Smartphone, Tablet oder Computer schwĂ€chen das Immunsystem zwar nicht unmittelbar. Entscheidend ist vielmehr, was dafĂŒr zu kurz kommt. Wer viel Zeit vor dem Bildschirm verbringt, bewegt sich hĂ€ufig weniger, ist seltener draußen oder geht spĂ€ter schlafen. RegelmĂ€ĂŸige bildschirmfreie Zeiten können daher helfen, wieder einen gesunden Tagesrhythmus zu finden.

Vitamine nur bei Bedarf

Vitamine und Spurenelemente sind fĂŒr den Körper unverzichtbar. Mehr davon bedeutet allerdings nicht automatisch mehr Schutz. ErnĂ€hrt sich ein gesundes Kind ausgewogen und besteht kein Mangel, ist ein zusĂ€tzlicher Nutzen von VitaminprĂ€paraten fĂŒr die Immunabwehr nicht nachgewiesen.

Ähnliches gilt fĂŒr Produkte, die gezielt die Darmflora beeinflussen sollen. Billionen von Bakterien bilden im Darm ein hochkomplexes Mikrobiom, dessen Zusammenspiel die Wissenschaft zunehmend besser versteht. Dass entsprechende PrĂ€parate die Immunabwehr gesunder Kinder allgemein verbessern, ist bislang nicht ausreichend belegt. Empfehlenswert ist hingegen eine ausgewogene, ballaststoffreiche ErnĂ€hrung mit viel frischem Obst und GemĂŒse.

Schulstart ist auch Zeit fĂŒr den Impfpass-Check

Eine Möglichkeit gibt es allerdings, das Immunsystem gezielt auf bestimmte Krankheitserreger vorzubereiten: Impfungen. „Wenn man das Immunsystem gezielt stĂ€rken möchte, sind Impfungen die wirksamste Maßnahme – wenn auch nur gegen die jeweils spezifischen Erreger“, erklĂ€rt Strenger.

Der Beginn des neuen Schuljahres ist daher eine gute Gelegenheit, auch den Impfpass zur Hand zu nehmen: Sind alle fĂŒr das Alter empfohlenen Impfungen vorhanden? Gibt es Impfungen, die aufgefrischt oder nachgeholt werden sollten? Mit Blick auf die kommende ErkĂ€ltungssaison ist zudem die jĂ€hrlich empfohlene Influenza-Impfung gegen die „echte Grippe“ relevant, die fĂŒr Kinder ab zwei Jahren auch als Nasenspray möglich ist.

FĂŒr einen gesunden Start ins Schuljahr braucht es also keine besonderen „Immunbooster“. Viel entscheidender sind die unspektakulĂ€ren Dinge des Alltags: ausreichend schlafen, ausgewogen essen, sich tĂ€glich bewegen, Zeit im Freien verbringen, Passivrauch vermeiden – und den Impfstatus im Blick behalten.

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