âHallo, da musst Du hinschauen, sonst versĂ€umst Du was!â
Unser Gehirn hat ziemlich viel zu tun. Nachrichten erreichen uns laufend, Social Media begleitet uns durch den Alltag, Informationen sind jederzeit verfĂŒgbar. Und mit KI ist ein neuer Denkhelfer hinzugekommen. All das gehört inzwischen ganz selbstverstĂ€ndlich zu unserem Leben. Doch was macht die digitale Welt mit unserem Denken und Lernen? Und wie können wir ihre Möglichkeiten nutzen, ohne unser Gehirn dabei zu ĂŒberfordern oder das Denken gleich ganz auszulagern? Mit diesen Fragen beschĂ€ftigt sich Univ.-Prof. Dr. Christian Enzinger, Neurologe und Vorstand der Univ.-Klinik fĂŒr Neurologie am Uniklinikum Graz, in seinem neuen Buch âDas digitale Gehirnâ.
Als Vorstand der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Neurologie am LKH-Univ. Klinikum Graz und UniversitĂ€tsprofessor fĂŒr das Fach âNeurologieâ an der Med Uni Graz beschĂ€ftigt sich Christian Enzinger seit vielen Jahren mit dem menschlichen Gehirn. Nun hat er diesem â abseits seiner zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen â erstmals ein Buch gewidmet. Eine der faszinierendsten Eigenschaften unseres Gehirns ist fĂŒr ihn seine enorme AnpassungsfĂ€higkeit: Es kann neue Verbindungen schaffen, bestehende verĂ€ndern und auf neue Herausforderungen reagieren. Diese sogenannte NeuroplastizitĂ€t ermöglicht es uns, ein Leben lang zu lernen â und hilft uns auch dabei, mit einer zunehmend digitalen Umwelt umzugehen.
âUnser Gehirn ist in der Lage, sich neuen Herausforderungen flexibel anzupassen und sich stĂ€ndig weiterzuentwickelnâ, sagt Enzinger. Dennoch behandeln wir es seiner Ansicht nach manchmal wie einen Computer, der niemals ermĂŒdet und keine Pausen braucht. Doch genau diese Pausen sind wichtig.
Das digitale Gehirn â Wie wir mit der KI mithalten
Autor: Christian Enzinger
Verlag: Buchverlag Edition Platin
Im Buch âDas digitale Gehirnâ geht Christian Enzinger der Frage nach, wie Technologie genutzt werden kann, ohne dass sie DenkfĂ€higkeit, KreativitĂ€t und innere Ruhe untergrĂ€bt.
Wenn Nichtstun plötzlich produktiv wird
Denn ein vermeintlicher âStandby-Modusâ bedeutet keineswegs, dass im Gehirn nichts passiert. In Ruhephasen wird unter anderem das sogenannte Default Mode Network aktiv. Verschiedene Hirnareale arbeiten dabei zusammen â wichtig etwa fĂŒr Selbstreflexion, KreativitĂ€t und das Finden neuer Lösungen. Enzinger vergleicht das mit einem âstillen Orchesterâ, das neue Partituren des Denkens ĂŒbt.
Wie leicht solche Ruhephasen im digitalen Alltag zu kurz kommen, zeigt ein Blick aufs Smartphone. Vor allem soziale Medien sind darauf ausgelegt, permanent Aufmerksamkeit zu gewinnen. Rasch wechselnde, auf uns zugeschnittene Inhalte sprechen dabei die Belohnungszentren im Gehirn an: âHallo, da musst Du hinschauen, sonst versĂ€umst Du was!â, beschreibt Enzinger vereinfacht den Mechanismus.
KI als Werkzeug, nicht als Denkersatz
Eine besondere Rolle spielt fĂŒr den Neurologen die KĂŒnstliche Intelligenz. Denn sie geht weit ĂŒber technische Hilfsmittel hinaus, die uns schon bisher einzelne Aufgaben abgenommen haben. Enzinger möchte KI weder verteufeln noch ein Loblied auf sie singen. Vielmehr gehe es darum, sich bewusst zu machen, welche VerĂ€nderungen wir gerade erleben und wie wir damit umgehen.
âKI sollte man als Hilfsmittel sehen, als Augmentation der LeistungsfĂ€higkeit unseres Gehirns, nicht als Denkersatzâ, betont Enzinger. Recherchieren, Ideen sammeln, sich VorschlĂ€ge machen lassen â all das könne KI erleichtern. Bewerten, hinterfragen und einordnen sollten wir Informationen aber weiterhin selbst. Denn wer Denkleistungen zunehmend auslagert â Stichwort âcognitive offloadingâ â, trainiert bestimmte kognitive FĂ€higkeiten weniger. Entscheidend sei daher, KI so zu nutzen, dass sie unser Denken unterstĂŒtzt, ohne es uns abzunehmen.
Auch mit einigen hartnÀckigen Mythen rund um unser Gehirn rÀumt Enzinger auf. Echtes Multitasking etwa gibt es nicht: Das menschliche Gehirn verarbeitet Aufgaben seriell, wenn auch zum Teil so schnell, dass es uns anders erscheinen mag. Wissenschaftlich gut belegt ist hingegen die NeuroplastizitÀt: Unser Gehirn bleibt anpassungsfÀhig, wenn wir es fordern und fördern.
Kein erhobener Zeigefinger
Patentrezepte fĂŒr ein âperfektes Gehirnâ will Enzinger in seinem Buch bewusst nicht liefern. Stattdessen gibt er 15 wissenschaftlich fundierte Anregungen, aus denen jede und jeder das mitnehmen kann, was zur eigenen Lebenssituation passt. Sein persönlicher Favorit klingt dabei ĂŒberraschend digital: Digitalisierung annehmen, dranbleiben und das Positive darin sehen.
Denn bei allen Herausforderungen sieht Enzinger in der Digitalisierung vor allem Möglichkeiten â solange der Mensch entscheidet, wie er sie nutzt. Und manches sollte ohnehin ganz analog bleiben. Denn bei aller LeistungsfĂ€higkeit von Algorithmen und KĂŒnstlicher Intelligenz gibt es Grenzen, die fĂŒr den Neurologen ziemlich eindeutig sind: âKein Chip kann Empathie ersetzen, ebenso wenig wie einen Kuss.â
Am 30. September 2026 stellt Christian Enzinger sein Buch âDas digitale Gehirnâ im Lesesaal der UniversitĂ€tsbibliothek der Med Uni Graz vor. Der Vorstand der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Neurologie ist im Rahmen der Med Uni Graz-Veranstaltungsreihe âMedizin & Gesellschaftâ zu Gast und gibt Einblicke in das Zusammenspiel von Gehirn, Digitalisierung und KI. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Anmeldung bis zum 23. September 2026: https://formular.medunigraz.at/form/alias/MUG/lesungdasdigitalegehirn
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