Wieder ohne Sauerstoff auf dem MĂ€hdrescher
Ein Medikament aus der Krebstherapie, eingesetzt bei einer schweren Autoimmunerkrankung: Am Uniklinikum Graz wurde der 51-jĂ€hrige Michael Kropiunig mit einem Wirkstoff behandelt, der eigentlich gegen LymphdrĂŒsenkrebs eingesetzt wird â mit bemerkenswertem Erfolg. Weltweit wurde dieses spezielle Medikament damit erstmals bei einem Patienten mit Antisynthetase-Syndrom, einer rheumatologischen Autoimmunerkrankung, eingesetzt. Möglich wurde der ungewöhnliche Therapieweg durch die enge Zusammenarbeit von Rheumatologie und HĂ€matologie am Uniklinikum Graz.
Michael Kropiunig ist Landwirt aus Keutschach am See und fĂŒhrt ein landwirtschaftliches Unternehmen. Mit seinem Team ĂŒbernimmt der KĂ€rntner auch Erntearbeiten fĂŒr andere Betriebe â auf insgesamt rund 1.000 Hektar pro Jahr. âZwei fixe Mitarbeiter haben wir â und unseren Opa, der wichtigsteâ, erzĂ€hlt er. Kropiunig sitzt selbst am Steuer von Traktor und MĂ€hdrescher. Selbst als ihm bei der Arbeit auf dem Feld zunehmend die Luft fehlte, machte er weiter. Die Sauerstoffflasche fuhr schlieĂlich mit, eine extra lange Leitung verschaffte ihm zumindest etwas Bewegungsfreiheit in der Fahrerkabine.
Nicht mehr zu arbeiten, war fĂŒr Kropiunig keine Option. Als SelbststĂ€ndiger musste er weitermachen â auch wenn ihm die Arbeit zunehmend schwerfiel. AuĂerdem: âWenn ich daheim gesessen wĂ€re, wĂ€re mir die Decke auf den Kopf gefallen. Da denkt man zu viel nach.â Die Gedanken, wie es mit dem Hof und dem Betrieb weitergehen wĂŒrde, waren ohnehin da â nach der Arbeit und in der Nacht. âMein Sohn ist erst zehn Jahre alt. Da fragst du dich schon: Wie wird das alles werden?â
Heute geht es Michael Kropiunig wesentlich besser. Er hat zugenommen, Muskeln aufgebaut und ist wieder ohne SauerstoffgerĂ€t auf seinem MĂ€hdrescher unterwegs. Dazwischen liegen mehrere Jahre mit einer schweren Autoimmunerkrankung â und eine ungewöhnliche Therapieentscheidung am Uniklinikum Graz.
Wenn die bisherigen Therapien nicht mehr reichen
Begonnen hatte seine Krankengeschichte 2021 mit Muskelschmerzen. Bald fehlte Kropiunig selbst fĂŒr alltĂ€gliche Bewegungen die Kraft. Im weiteren Verlauf wurde seine Erkrankung als Antisynthetase-Syndrom eingeordnet â eine seltene systemische Autoimmunerkrankung, die unter anderem Muskulatur und Lunge schwer schĂ€digen und potenziell lebensbedrohlich sein kann.
Bei Kropiunig zeigte sich die Erkrankung in besonders ausgeprĂ€gter Form. Seine Muskulatur war stark geschwĂ€cht, die Lunge schwer betroffen. Dazu kamen VerĂ€nderungen an Haut und Gesicht: Die Haut wurde zunehmend starr und gespannt, die Mimik war eingeschrĂ€nkt und die Mundöffnung schlieĂlich so klein, dass er kaum noch lachen konnte. Die SchĂ€digung seiner Lunge schritt so weit fort, dass er dauerhaft Sauerstoff benötigte. âEs war ein tiefes Tal, ganz untenâ, erinnert er sich. âAlles war schwerfĂ€llig, ich hatte extrem abgenommen und habe mich schon gefragt: War es das jetzt?â
Im Herbst 2023 kam Kropiunig an die Klinische Abteilung fĂŒr Rheumatologie und Immunologie am Uniklinikum Graz. Doch trotz verschiedener Therapien blieb die entscheidende Besserung aus. âWir hatten die etablierten therapeutischen Möglichkeiten weitgehend ausgeschöpft. Deshalb haben wir begonnen, ĂŒber andere Wege nachzudenkenâ, sagt Univ.-Prof. Jens Thiel, Leiter der Abteilung.
Die Situation war zu diesem Zeitpunkt Ă€uĂerst ernst. Nach EinschĂ€tzung von Thiel hĂ€tte die Erkrankung ohne eine wirksame neue Therapie einen lebensbedrohlichen Verlauf nehmen können. Der vielversprechendste neue Weg fĂŒhrte in die HĂ€matologie.
Das Antisynthetase-Syndrom ist eine seltene Autoimmunerkrankung aus der Gruppe der entzĂŒndlichen Muskelerkrankungen (Myositiden). Dabei richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen. Typisch sind EntzĂŒndungen der Muskulatur und Gelenke sowie eine Beteiligung der Lunge. Am Uniklinikum Graz sind rund 200 Patient*innen mit entzĂŒndlichen Muskelerkrankungen aus diesem Formenkreis in Behandlung.
Besonders schwerwiegend kann eine interstitielle Lungenerkrankung sein. Dabei entzĂŒndet sich das feine Gewebe rund um die LungenblĂ€schen und der Sauerstoffaustausch wird erschwert. Im weiteren Verlauf kann das Lungengewebe vernarben â es entsteht eine Lungenfibrose. WĂ€hrend sich die EntzĂŒndung unter einer erfolgreichen Therapie zurĂŒckbilden kann, sind Vernarbungen in der Regel nicht mehr rĂŒckgĂ€ngig zu machen.
Das Antisynthetase-Syndrom kann sehr unterschiedlich verlaufen. Bei schweren Formen werden neben Kortison verschiedene Medikamente eingesetzt, die das fehlgeleitete Immunsystem unterdrĂŒcken oder gezielt beeinflussen.
Die Idee kommt aus der Krebsmedizin
Der schlieĂlich eingesetzte Wirkstoff stammt aus der Krebsmedizin und wird seit einigen Jahren zur Behandlung bestimmter Formen von LymphdrĂŒsenkrebs eingesetzt. Es handelt sich um einen sogenannten bispezifischen Antikörper aus der Gruppe der T-Cell-Engager. Vereinfacht funktioniert er wie eine BrĂŒcke zwischen zwei Zellen des Immunsystems: Mit einer Seite bindet der Antikörper an CD20, ein EiweiĂ auf der OberflĂ€che von B-Zellen, mit der anderen an CD3 auf einer T-Zelle. Dadurch bringt er beide Zellen unmittelbar zusammen. Die T-Zelle wird aktiviert und kann die B-Zelle zerstören.
Genau hier sah Thiel eine mögliche Verbindung zum Antisynthetase-Syndrom. Denn B-Zellen spielen auch bei der fehlgeleiteten Immunreaktion dieser Erkrankung eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit Univ.-Prof.in Annkristin Heine, Leiterin der Klinischen Abteilung fĂŒr HĂ€matologie, entstand die Idee, das aus der Krebstherapie bekannte Prinzip bei Kropiunig zu nutzen.
âIn der HĂ€matologie kennen wir den Wirkstoff seit mehreren Jahren und setzen ihn bei bestimmten Formen von LymphdrĂŒsenkrebs einâ, erklĂ€rt Heine. âDass ein Wirkprinzip aus der Krebstherapie möglicherweise auch bei schweren Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden kann, ist eine sehr spannende Entwicklung.â
Bei Kropiunig erfolgte die Behandlung im sogenannten Off-Label-Use: Der Wirkstoff ist fĂŒr eine andere Erkrankung zugelassen und wurde aufgrund seines Wirkmechanismus erstmals beim Antisynthetase-Syndrom eingesetzt. FĂŒr Kropiunig selbst war die Entscheidung schnell getroffen. âHerr Thiel hat mich gefragt, ob ich das probieren will. Ich habe gesagt: sicher ja. Alles war besser als die Situation, wie sie war.â
T-Zellen gehören zu den Abwehrzellen unseres Immunsystems und können andere Zellen gezielt zerstören. T-Cell-Engager machen sich diese FÀhigkeit zunutze: Sie sind Antikörper, die T-Zellen gezielt mit bestimmten anderen Zellen zusammenbringen.
Man kann sich den Wirkstoff wie eine BrĂŒcke vorstellen: Der bei Michael Kropiunig eingesetzte bispezifische Antikörper bindet mit einer Seite an CD20 auf einer B-Zelle und mit der anderen an CD3 auf einer T-Zelle. Dadurch werden beide Zellen unmittelbar zusammengebracht. Die T-Zelle wird aktiviert und kann die B-Zelle gezielt zerstören.
Entwickelt wurde dieses Therapieprinzip ursprĂŒnglich fĂŒr die Behandlung von Krebserkrankungen. Da B-Zellen auch bei der fehlgeleiteten Immunreaktion von Autoimmunerkrankungen eine wichtige Rolle spielen können, wird untersucht, ob sich T-Cell-Engager auch hier therapeutisch nutzen lassen.
Vier Monate spÀter ohne Sauerstoff
Im Juli 2025 begann die Behandlung auf der HĂ€matologie in Graz. Schon nach kurzer Zeit zeigte sich eine deutliche Besserung: Die EntzĂŒndung in der Lunge ging zurĂŒck, die Muskelkraft nahm wieder zu. Auch die VerĂ€nderungen an Haut und Gesicht bildeten sich teilweise zurĂŒck. Die Mimik wurde beweglicher, die Mundöffnung gröĂer â Kropiunig konnte wieder lachen. âBereits entstandene Vernarbungen des Lungengewebes, die sogenannte Lungenfibrose, blieben jedoch bestehenâ, sagt OĂ Dr. Sonja Kreuzer, die Kropiunig seit Beginn seiner Behandlung begleitet und an der Rheumatologie eine seiner zentralen Ansprechpersonen ist.
Auch auf dem Hof zeigte sich, was die Therapie bewirkt hatte: Schon nach wenigen Wochen saĂ Kropiunig wieder auf seinem MĂ€hdrescher. Vier Monate nach Therapiebeginn konnte er bei der Arbeit schlieĂlich auf zusĂ€tzlichen Sauerstoff verzichten. Insgesamt erhielt Kropiunig die neue Therapie rund ein Jahr lang. âBei diesem Patienten sehen wir, dass sich VerĂ€nderungen teilweise zurĂŒckgebildet haben, von denen wir das in diesem AusmaĂ nicht erwartet hĂ€tten. Das ist fĂŒr uns medizinisch wirklich beeindruckendâ, sagt Thiel.
Der Fall ist auch wissenschaftlich von besonderem Interesse: T-Cell-Engager werden inzwischen als möglicher Therapieansatz bei schweren Autoimmunerkrankungen untersucht. Beim Antisynthetase-Syndrom war der bei Kropiunig verwendete Wirkstoff bislang noch nicht zum Einsatz gekommen. Der Grazer Fall wird deshalb wissenschaftlich aufgearbeitet und soll publiziert werden.
Mittlerweile gibt es auch aus Deutschland erste vielversprechende Erfahrungen: Dort wurden einige wenige Patient*innen mit Antisynthetase-Syndrom ebenfalls erfolgreich mit einem T-Cell-Engager behandelt. Dieser richtet sich allerdings gegen eine andere Zielstruktur als der in Graz eingesetzte Wirkstoff.
Thiel warnt dennoch vor vorschnellen SchlĂŒssen: âDas ist keine Therapie fĂŒr jeden Patienten und auch nichts, was jedes Krankenhaus anwenden sollte. Aber fĂŒr schwer erkrankte Menschen, bei denen die etablierten Therapien nicht ausreichend wirken, könnte sich hier eine neue Möglichkeit eröffnen.â
âJeden Tag ein bissi besserâ
Geheilt ist Michael Kropiunig nicht. Vor allem die bereits entstandene Vernarbung seiner Lunge besteht weiterhin. An feuchten, nebligen Tagen braucht er manchmal noch fĂŒr kurze Zeit Sauerstoff, schwere körperliche Arbeiten ĂŒberlĂ€sst er seinen Mitarbeitern. Aber er hat rund zehn Kilo zugenommen, wieder Muskeln aufgebaut â und sitzt wieder selbst auf dem MĂ€hdrescher. âDie geben dich nicht einfach auf, sondern suchen weiter nach neuen Möglichkeiten. Ich bin sehr dankbar, dass ich auf die beiden gestoĂen binâ, sagt Kropiunig ĂŒber seine beiden behandelnden Ărzte Jens Thiel und Sonja Kreuzer.
Auch medizinisch geht der Weg weiter: An der Klinischen Abteilung fĂŒr Pneumologie wird Kropiunig an einer weiteren Studie teilnehmen, die neue Möglichkeiten fĂŒr die Behandlung seiner Lungenerkrankung untersucht. Er selbst fasst seinen heutigen Zustand so zusammen: âWenn ich mich so bewegen kann, wie ich mich jetzt bewegen darf, dann bin ich zufrieden. Jetzt geht es leichter â und es wird jeden Tag ein bissi besser.â
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